Bildung im Hamsterrad

Essay über Motivation, Intention und Hintergründe einer Fotoserie

Studium der Zukunft?

Es gab mal einen weisen Mann, der später als Begründer der modernen universitären Lehre in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Nach seinen Vorstellungen bestand das vorrangige Ziel des Studiums nicht in der Vorbereitung auf einen konkreten Beruf, sondern in der Bildung und Entwicklung der Persönlichkeit. Die zweckfreie Wissenschaft sei die Nützlichste, weil sie auch für das Unvorhersehbare Lösungen bereit hielte. Dieser Mann hieß Wilhelm von Humboldt (1767-1835).

Grown Up (9/12) - The Resignation

Grown Up (9/12) – The Resignation

Wenn Humboldt von den inländischen Auswirkungen der Bologna-Reform wüsste, würde er sich im Grabe umdrehen. Denn böse und überspitzt formuliert könnte man sagen, dass die Hochschule heute eine Massen-Studenten-Haltung ist, in der es um die möglichst effiziente Produktion von der Wirtschaft gefallenden Absolventen geht. Eine wirkliche akademische Freiheit und die hiermit verknüpfte ganzheitliche Bildung aber, die über ein scheuklappenartiges Faktenwissen hinausgeht, braucht Freiräume. Diese kann es jedoch nur geben, wenn sowohl der Leistungs- als auch der hiermit zusammenhängende Zeitdruck deutlich reduziert wird. Hier muss angesetzt werden, will man das gedankliche und kreative Potenzial unserer Heranwachsenden wieder fördern und ausschöpfen.

Konkrete Maßnahmen wären relativ unkompliziert umsetzbar. Bereits eine einfache Verlängerung der Regelstudienzeit des Bachelorstudiums von zurzeit 6 auf 8 Semester würde dringend benötigte Freiraume schaffen. Studenten bekämen wieder die Möglichkeit über den Tellerrand hinaus zu schauen, eigene Interessen zu vertiefen, eigene Ideen auszuprobieren und mehr Praxiserfahrungen zu sammeln. Zudem würde ein Auslandsstudium den zeitlichen Druck nicht übermäßig erhöhen, wie es zurzeit leider oft der Fall ist.

Gleichzeitig müssen wir allerdings auch wieder dahin gelangen, dass eine Überschreitung der Regelstudienzeit entstigmatisiert wird. Dabei geht es nicht darum, das Image des Langzeitstudenten wieder salonfähig zu machen, sondern den Studierenden den sozialen Druck sowie den hieraus entstehenden psychischen Stress zu nehmen.

Eine weitere leicht umsetzbare Maßnahme um den unnötigen Druck für die Studenten zu reduzieren, besteht in der Abschaffung der Anwesenheitspflicht. Anstatt dem erwachsenen Lernenden vorzuschreiben, wann er wie und durch welchen Dozenten er etwas zu erfassen habe, sollte es ihm erlaubt sein, den Weg sowie die Art und Weise seines Lernens selbst zu bestimmen. Glücklicherweise haben inzwischen bereits einige Universitäten und andere vereinzelte Lehrende den Irrweg erkannt und die Anwesenheitspflicht wieder abgeschafft. Andere Hochschulen und Lehrende sollten diesem Beispiel folgen.

Wenn man nach den Ursachen für die Unzufriedenheit von jungen Menschen im heutigen höheren Bildungssystem sucht, darf man jedoch nicht erst bei der Universität anfangen. Denn schon die hohe Gewichtung des Abiturschnitts als Auswahlkriterium für die Vergabe von Studienplätzen (Numerus Clausus) wirft ihren Schatten bis tief in die Schulzeit unserer sich unter Druck gesetzt fühlenden Heranwachsenden. Hier gilt es die Bedeutung des Abiturschnitts im Vergleich zu anderen bereits bestehenden Auswahlverfahren und -kriterien wie Berufspraxis, gewichtete Einzelfachnoten, fachspezifische Tests und Auswahlgespräche zu verringern.

Grown Up (10/12) - Racing Dive

Grown Up (10/12) – Racing Dive

Eine zusätzlich hinzukommende Problematik ist die de facto nicht vorhandene Chancengleichheit. Hier kann es nur das Ziel sein, die Hürden für eine akademische Bildung zu verringern, sodass nicht die soziale bzw. ökonomische Herkunft von jungen Menschen über die Entscheidung für oder gegen ein Studium bestimmt, sondern Engagement, Intelligenz und Eignung. Hierzu müssten zunächst Strukturen geschaffen bzw. ausgebaut werden, die dafür sorgen, dass auch Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern ein Studium zumindest in Betracht ziehen und gut über Chancen und (Förder-)Möglichkeiten informiert werden. Gleichzeitig müssten Maßnahmen zur finanziellen Unterstützung (Erweiterung von Stipendiatenprogrammen) ausgebaut werden, um auch engagierten jungen Menschen aus ökonomisch schwachen Verhältnissen ein Hochschulbesuch zu ermöglichen.

Dies sind nur einige Ideen, wie die akademische Lehre in ihrer jetzigen Form verbessert werden könnte. Veränderungen in diesem Bereich würde jedoch zunächst das Eingeständnis der Verantwortlichen aus der Politik erfordern, dass bei der Umsetzung der Bologna-Reform Fehler gemacht wurden. Eine solche Einsichtsfähigkeit scheint es allerdings leider (noch) nicht zu geben. Immer noch hat man den Eindruck, die Priorität würde von Seiten der Politik darin bestehen, die jungen Menschen möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zu befördern, um so dem sich stetig vergrößernden, durch den demografischen Wandel ausgelösten Rentenloch entgegen zu wirken. Ein solcher Ansatz ist natürlich zu kurz gedacht und letztlich kontraproduktiv in Hinsicht auf die Zukunft unseres Landes. Was wir brauchen sind keine bloß mit fachlichem Scheuklappenwissen angefüllte, sondern selbstständige, reflektierte und kreative Akademiker mit Charakter, Persönlichkeit und Ideenreichtum.


Teil 5
Teil 7